AutorInnen: Helena Knaus, Julian Ingenbleek, Robert von Klitzing, LLH
Die Kichererbse gilt in Deutschland und Hessen im Anbau noch als Nischenkultur. Das Interesse experimentierfreudiger Betriebe wächst jedoch: Regionale Versorgung, pflanzenbasierte Ernährung und eine Bereicherung der Fruchtfolge, sowie sich verändernde klimatische Bedingungen treiben die Entwicklung voran. In den vergangenen drei Jahren haben Landwirte in Südhessen in Zusammenarbeit mit dem Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen (LLH), dem Projekt 100 nachhaltige Bauernhöfe (100nB) und der Ökomodellregion Süd (ÖMR Süd) die Chancen eines regionalen Kichererbsen-Anbaus ausgelotet und Hürden identifiziert. In Zusammenarbeit mit den Landwirten Siegbert Ochsenschläger, Mario Schuchmann, Kai Schellhaas, Johannes Böhm, Thomas Schaffer und Normann Jaensch sowie Bernd und Martin Hax wurden die nachfolgenden Erkenntnisse gewonnen.
Klimatische Rahmenbedingungen und Standortpotenziale
Die Temperaturen in Hessen steigen, was längere heiße Perioden, längere Trockenzeiten und größere Schwankungen während der Vegetationsperiode mit sich bringt. Für den erfolgreichen Anbau der Kichererbse wird eine Wärmesumme von etwa 1.745 °C (1. Mai – 30. September) benötigt. Hessen bietet insbesondere im hessischen Ried, in der Wetterau und im Reinheimer Hügelland gute Voraussetzungen: milde Winter, frühere Bodenerwärmung, relativ geringe Niederschläge und längere Vegetationszeiten im Vergleich zu kühleren nördlichen Lagen. Aber auch Nordhessen und der Vogelsberg liefern erste Erfolge im Kichererbsenanbau.
Leichte Fröste im frühen Entwicklungsstadium werden toleriert, die Verträglichkeit nimmt mit der Blüte ab. Bevorzugt werden leichte, sich rasch erwärmende Böden. Der Wasserbedarf in der Keimung ist hoch, danach genügt der Pflanze weniger Wasser. Leichte Niederschläge zur Blüte und Hülsenbildung fördern die Korn- und Ertragsbildung. Innerhalb der Vegetationsperiode werden insgesamt 150–250 mm Niederschlag benötigt. Das indeterminierte Wachstum erfordert trockene Bedingungen ohne Niederschläge zur gleichmäßigen Abreife.
Schwach-lehmige Sandböden mit neutralem pH-Wert bis etwa 7,5 eignen sich gut, doch auch Böden mit höherem Lehmgehalt, wie im Hessischen Ried sind tauglich. Wesentlich sind gute Durchlüftung, keine Staunässe, keine Verdichtungshorizonte, geringer Unkrautdruck und sonnige Standorte. Die Pfahlwurzel der Kichererbse hilft Trockenphasen zu überstehen und verbessert die Bodenstruktur. In Fruchtfolgen wirkt sich der Anbau als Leguminose positiv aus (Stickstoffbindung). Die Kichererbse ist mit sich selbst unverträglich; deshalb ist eine Anbaupause von 5–6 Jahren sinnvoll. Standorte mit Wurzelunkräutern und hohem Unkrautdruck sollten vermieden werden.
Saatgut und Sortenwahl
Die Saatgutqualität ist entscheidend für einen erfolgreichen Anbau. Eine Impfung der Knöllchenbakterien ist notwendig, damit die Stickstoffbindung funktioniert. Kichererbsen können zwischen Kabuli-Typen (groß, cremefarbene Samen) und Desi-Typen (kleiner, dunkler) unterschieden werden (siehe Abb. 1), zudem gibt es mit Gulabi, eine Untergruppe des Desi-Typen, einen mittleren Typen mit rötlichen Körnern.

Die hellen Kabuli-Typen sind in Deutschland und Europa deutlich nachgefragter als die dunklen Desi-Typen, können aber durch eine spätere Abreife und ein schwächeres Unkrautunterdrückungsvermögen die Ernte und Aufbereitung herausfordern. Desi-Typen sind generell noch weniger bekannt, bieten aber Vorteile wie stärkere Unkrautunterdrückung, frühere Abreife, bessere Bestandsführung und weniger Mähdruschprobleme und benötigen oft trockene Bedingungen.
Es gibt verschiedene Sorten beider Typen; das Saatgut stammt oft aus Frankreich/Italien (Kosten ca. 150–350 Euro pro Doppelzentner). Öko-Saatgut ist schwer verfügbar; konventionelles, nicht chemisch gebeiztes Saatgut ist im Öko-Anbau teilweise zulässig. Bekannte Sorten sind Flamenco und Orion (Kabuli); Desi-Varianten wie Olga werden zunehmend getestet. In 2025 wurde in Südhessen die Sorte Rondo in Zusammenarbeit mit sechs Betrieben und der Ökomodellregion Süd angebaut (siehe Abb. 2).

Aussaat und Bestandsführung
Die Keimfähigkeit variiert stark (ca. 20–95%), daher sollten Keim- und Triebkrafttests vor der Aussaat erfolgen. Empfohlen werden 50–60 keimfähige Körner pro m². Die Aussaat erfolgt in der Regel Mitte April bis Anfang Mai als Drill- oder Einzelkornsaat. Die optimale Keimtemperatur liegt bei 10–15 °C, die Bodentemperatur sollte optimalerweise über 7 °C liegen. In manchen Regionen Deutschlands wird auch bereits eine sehr frühe Aussaat (ab Mitte März) praktiziert. Ein Risiko hierbei sind Fröste, ein Vorteil die frühe Bestandsentwicklung und Abreife. Die Saatgutablage erfolgt etwa 3–5 cm tief in die wasserführende Bodenschicht. Ein gut vorbereitetes, unkrautfreies, feinkrümeliges Saatbeet ohne Verdichtungshorizonte ist ausschlaggebend, damit die Kichererbsen unter optimalen Bodenbedingungen gedrillt werden können. Ideale Aussaatbedingungen und eine Schön-Wetter-Periode nach der Saat fördern eine zügige und gleichmäßige Keimung. Danach benötigt die Pflanze weniger Wasser; Staunässe wird jedoch nicht toleriert (Fäulins).
Die Unkrautregulierung ist zentral und der entscheidende Erfolgsfaktor: Frühzeitiges Blindstriegeln sowie mehrmaliges Striegeln und/oder Hacken bis zum Reihenschluss halten den Bestand unkrautfrei (siehe Abb. 3), erleichtern die Ernte und sichern Qualität (siehe Abb. 5). Das Wiederholen der Arbeitsgänge wird im Verlauf der Vegetation geraten. Ein regelmäßiges Beobachten und ggf. Reagieren ist unabdingbar.

Abbildung 3: Kichererbse oberes hessisches Ried, 6 Wochen nach der Aussaat am 21.05.2025, Bilder LLH
Ernte, Ertrag und Risiken
Der Erntetermin variiert je nach Sorte und Wetterbedingungen in einem Zeitfenster von Mitte August bis Mitte Oktober. Spätere Ernte erhöht das Risiko von Pilzbefall und Spätverunkrautung. Idealerweise ist ein Großteil der unteren und mittleren Hülsen zur Ernte abgereift und gelb (~90 %). Durch das indeterminierte Wachstum kommt dies jedoch nicht jedes Jahr zustande; oft müssen Kompromisse beim Erntezeitpunkt eingegangen werden (siehe dazu Abb. 4). Die Samen in den Hülsen sollten „rascheln“. Kornrestfeuchte von mindestens 16 % ist zum Drusch anzustreben; unter 14 % drohen Beschädigungen.

Gedroschen wird mit gängiger Erntetechnik. Tief schneidende Flexschneidwerke helfen, tiefhängende Hülsen aufzunehmen. Die richtige Mähdreschereinstellung ist essenziell. Das zeitnahe Herausreinigen verbleibender Grünanteile und Unkrautsamen sowie die i. d. R. anschließende Trocknung entscheiden über die Qualität. Um diese Arbeiten in der Ernte zeitnah durchführen zu können, empfiehlt sich eine frühzeitige Abstimmung und Planung mit allen Beteiligten.
Verunkrautete Bestände erschweren den Drusch; austretende Pflanzensäfte können helle Kichererbsen-Sorten grau-bläulich verfärben (siehe Abb. 5+6). Verfärbte Samen oder Partien sind nicht vermarktungsfähig. Je nach Anteil der Verunreinigung können verfärbte Samen nach der Ernte durch Farbsortieren herausgereinigt werden. Grüne Erbsen müssen vor der Einlagerung aussortiert werden, da diese nicht nachreifen (siehe Abb. 7+8).


Gereinigte Kichererbsen lassen sich gut lagern, wenn sie auf eine Restfeuchte von 12–14 % getrocknet werden. Ertragserwartung 0,5–2 t/ha pro Jahr; einzelne Jahre mit schlechten Feldaufgängen, starker Verunkrautung oder Ernteproblemen können Totalausfall bedeuten.


Vermarktung und regionale Wertschöpfung
Die Vermarktung sollte schon vor dem Anbau geklärt werden, damit regionale Wertschöpfungsketten (WSK) aufgebaut werden können. Kichererbsen dienen als pflanzliche Proteinquelle für die menschliche Verpflegung und können auf verschiedene Weise in Kantinen, der Gastronomie, dem Lebensmitteleinzelhandel und der Direktvermarktung, un- oder weiterverarbeitet, als Mehl oder Falafel genutzt werden. Projekte wie z.B. Heldenbohne (siehe weiterführende Links), die ÖMR Süd und das Leguminosen-Netzwerk (LeguNet) unterstützen die regionale Vermarktung in Hessen.
Zentralen Learnings & Ausblick
Kichererbsen haben in Hessen, insbesondere in Südhessen, ein Anbaupotenzial, wenn klimatische Bedingungen und Bodenverhältnisse am Standort passen. Die Ertragssicherheit ist aktuell noch nicht gegeben.
Hier die wichtigsten Erkenntnisse:
- Die Sortenwahl ist ein wichtiger Faktor: Neue Sorten zu testen, insbesondere mit Blick auf Unkrautunterdrückung und frühe Abreife, kann einen Beitrag zum erfolgreichen Anbau leisten.
- Rechtzeitige Aussaat bei idealen Bedingungen, Bodenverhältnissen und passender Standortwahl sind entscheidend.
- Frühzeitiges und erfolgreiches Unkrautmanagement ist zentral um einen sauberen, später druschfähigen Bestand zu etablieren.
- Die Witterungsverhältnisse ab Ende Juli, Anfang August beeinflussen das Abreifeverhalten und den Erntezeitpunkt.
- Zur Ernte muss auch das Nacherntemanagement im Vorhinein mitgedacht werden.
Vor dem Einstieg in den Anbau empfiehlt es sich letzteres, sowie Vermarktungsmöglichkeiten zu klären. Qualität, Trocknung, Sortierung, Verarbeitung und Preisgestaltung sind entscheidend, ebenso wie die Zusammenarbeit und Vernetzung zwischen allen am Thema Interessierten (Anbau, Verarbeitung und abnehmende Hand). Bei Interesse an weiteren Informationen sprechen Sie die Beratung des LLH gerne an.
Weiterführende Links:
Bezugsquellen für Kichererbsen Saatgut und Impfmittel
LeguNet – Anbau von Kichererbsen
Was ist bei der Ernte und Aufbereitung von Körnerleguminosen zu beachten?
Aufbereitung von Körnerleguminosen
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