Am 10. Juni 2026 fand im Rahmen des Projekts „100 nachhaltige Bauernhöfe“ ein Feldabend am Standort Schöneck-Kilianstädten statt. Die Veranstaltung wurde vom Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen (LLH) gemeinsam mit dem Projektlandwirt Stefan Gruner organisiert und bot den Teilnehmenden einen praxisnahen Einblick in aktuelle Fragestellungen des Ackerbaus unter den Bedingungen des laufenden Anbaujahres. Im Mittelpunkt standen eine Raps-Feldbegehung am frühen Abend sowie die anschließende Weizensortendemonstration.
Zum Auftakt wurde u. a. der Rapsbestand des Projektlandwirts Tilmann Hirsch betrachtet, der einen bewusst extensiven Produktionsansatz verfolgt. Durch eine gezielte Fruchtfolgegestaltung, die Einbindung der Kultur in die betriebliche Flächenstruktur sowie Maßnahmen zur Förderung von Nützlingen gelingt es ihm, den Pflanzenschutzeinsatz auf ein Minimum zu reduzieren. Nach Möglichkeit wird auf Insektizidmaßnahmen verzichtet. Auch die Blütenbehandlung mit Fungiziden findet in der Regel nicht statt. Während Weißstängeligkeit (Sclerotinia sclerotiorum) zum Zeitpunkt des Feldbegangs noch keine ernstzunehmende Rolle spielte, wurden im direkten Vergleich mit intensiv geführtem Raps insbesondere Unterschiede im Schädlingsauftreten und den daraus resultierenden Schäden deutlich. Dies führte zu einer angeregten Diskussion über Chancen und Risiken extensiver Anbausysteme. Dabei wurde klar, dass bestimmte Pflanzenschutzmaßnahmen von einigen Betrieben nicht ausschließlich aufgrund eines unmittelbar zu erwartenden Schadens durchgeführt werden, sondern auch der Absicherung von Ertrag und Qualität dienen. Gerade in einer wirtschaftlich bedeutenden Kultur wie Raps spielt die Risikominimierung bei betrieblichen Entscheidungen eine wichtige Rolle. Die Behandlungsentscheidung wird dabei nicht ausschließlich anhand der aktuellen Befallssituation getroffen, sondern auch vor dem Hintergrund der persönlichen Verantwortung für den Betrieb und den begrenzten Eingriffsmöglichkeiten bei später auftretenden Problemen. Ob sich ein reduzierter Pflanzenschutzeinsatz unter den Bedingungen des aktuellen Anbaujahres wirtschaftlich auszahlt, wird letztlich erst die Ernte zeigen. Auffällig ist in diesem Jahr außerdem ein teils stärkerer Befall mit Schotenschädlingen wie dem Kohlschotenrüssler und der Kohlschotenmücke, was sich auch in den betrachteten Beständen eindrucksvoll zeigte.
Im Anschluss lag der Fokus auf der Weizensortendemonstration mit insgesamt elf Sorten aus dem E- und A-Segment. Die Sorten, darunter sowohl etablierte als auch neu zugelassene Kandidaten, wurden anhand eines Feldführers vorgestellt und unter den diesjährigen Anbaubedingungen vergleichend diskutiert. Ziel des Demonstrationsvorhabens ist es, praxisrelevante Unterschiede in den Bereichen Blattgesundheit, N-Effizienz und Qualität unter realen Standortbedingungen sichtbar zu machen. Pflanzenbauberater Stephan Brand gab hierzu einen fachlichen Rückblick auf den Witterungsverlauf seit Jahresbeginn und die daraus resultierenden Herausforderungen für die Bestandesführung und den Pflanzenschutz. Die Wetterdaten zeigten, dass insbesondere für den Wachstumsreglereinsatz in diesem Jahr Fingerspitzengefühl gefragt war. Die wechselhafte Witterung mit kühlen Phasen, wechselnden Hochdrucklagen und zeitweise sehr niedriger Luftfeuchte erschwerte die optimale Terminierung der Nachbehandlungen gegen Ungräser und Unkräuter.
Projektberatungskraft Jonas Schulze stellte ergänzend die betriebsindividuellen Fragestellungen des Projektlandwirts Stefan Gruner in den Vordergrund. Im Fokus stehen dabei insbesondere eine hohe N-Effizienz, stabile Qualitäten sowie eine möglichst einfache Bestandesführung vor dem Hintergrund möglicher Düngerestriktionen und der gezielten Vermarktung von Qualitätsweizen an eine regionale Mühle. Außerdem zeigte sich bereits im zweiten Projektjahr, dass die geprüften Sorten durchweg eine sehr gute Blattgesundheit aufweisen und im aktuellen Jahr mit lediglich einer Fungizidbehandlung gesund gehalten werden konnten. Damit wird die Bedeutung der Sorte als zentrale Stellschraube zur Reduktion von Pflanzenschutzmaßnahmen deutlich herausgearbeitet.
Die einzelnen Sorten wurden durch Vertreter der beteiligten Züchterhäuser direkt im Feld erläutert. Dabei standen spezifische Eigenschaften, standortbezogene Stärken sowie die Einordnung in das jeweilige Züchtungsportfolio im Vordergrund und ermöglichten einen intensiven fachlichen Austausch zwischen Praxis, Beratung und Züchtung. Die während des Feldabends diskutierten Unterschiede zwischen den Sorten sowie die Ertragsergebnisse aus dem vergangenen Jahr weckten bereits großes Interesse an den anstehenden Ernteergebnissen. Ob sich die Beobachtungen auch in Ertrag und Qualität widerspiegeln, wird sich in den kommenden Wochen zeigen. Die Auswertung erfolgt nach der Ernte und wird anschließend in einem gesonderten Bericht auf der Website des Projekts „100 nachhaltige Bauernhöfe“ vorgestellt.
Abschließend wurde der Anbau von Kurzstroh-Hybridroggen diskutiert, den der Projektlandwirt Stefan Gruner im Rahmen des Projekts ebenfalls erprobt. Ziel ist es, eine Sorte zu evaluieren, die ohne Wachstumsreglereinsatz auskommt und damit eine vereinfachte Bestandesführung ermöglicht. Ein weiterer Vorteil der im Demonstrationsvorhaben angebauten Sorte ist die herausragende Abwehrleistung gegen Mutterkorn. Erste Eindrücke aus dem Bestand wurden dabei gemeinsam bewertet und hinsichtlich ihrer betrieblichen Relevanz eingeordnet. Besonders eindrücklich war der Wuchshöhenunterschied zu den sonst im Betrieb angebauten Sorten, selbst unter Anwendung praxisüblicher Wachstumsreglermengen.
Der Feldabend klang bei einem gemeinsamen Imbiss und Getränken in intensiven Fachgesprächen zwischen Teilnehmenden, Beratung, Züchtung und Praxis aus.
Abschließend gilt der Dank den Projektlandwirten Stefan Gruner und Tilmann Hirsch sowie den beteiligten Vertreterinnen und Vertretern von DSV, I.G. Pflanzenzucht, KWS und Saaten-Union sowie dem Beratungsteam um Stephan Brand und Jonas Schulze für die Organisation, Durchführung und den fachlichen Austausch im Rahmen der Veranstaltung.
Ansprechpartner:
- Jonas Schulze (LLH) jonas.schulze@llh.hessen.de +49 175 1108083
- Stephan Brand (LLH) stephan.brand@llh.hessen.de +49 160 4715761
- Stefan Gruner stefangruner68@gmail.com +49 175 2714024
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